Hinduismus

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Der Begriff Hinduismus steht für eine Vielzahl von Religionen indischen Ursprungs, die auf eine über dreitausendjährige Geschichte zurückblicken. Gemeinsame Kennzeichen all dieser Richtungen sind der Glaube an den Kreislauf der Wiedergeburt, in Verbindung mit dem Gesetz von Ursache und Wirkung der eigenen Handlungen (Karma) sowie das immer noch weit verbreitete Kastensystem.

Heute gibt es über eine Milliarde Hindus auf der Erde, die meisten davon leben in Indien (über 80%), weitere in Nepal, Bangladesh, auf Sri Lanka und Bali. Damit ist der Hinduismus nach dem Christentum und dem Islam die weltweit drittgrößte Religionsgemeinschaft. <events keyword="Hinduismus hinduistisch">Veranstaltungen zum Thema Hinduismus</events>


Migration und Mission

In Deutschland leben heute etwa 100.000 Hindus überwiegend indischer (ca. 35.000 bis 40.000), tamilischer (ca. 42.000 bis 45.000) und afghanischer (ca. 5.000) Herkunft, die hauptsächlich als Arbeitsmigranten, zum Teil aber auch aufgrund von Bürgerkrieg wie auf Sri Lanka (Tamilen) ab 1983 nach Deutschland gekommen sind. Daneben gibt es, zu einem geringeren Teil, auch Konvertiten europäischer Herkunft (ca. 7.000 bis 10.000).

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts sind auch sog. „neohinduistische“ Bewegungen wie die Ramakrishna-Mission des Mönchs Vivekananda (1862–1902) im Westen missionarisch aktiv. Oftmals haben sie sich um eine charismatische Führerfigur (Guru) herum gebildet. Auch die Theosophische Gesellschaft und die von ihr beeinflusste Anthroposophische Gesellschaft Rudolf Steiners (1861–1925) brachten in modifizierter Form hinduistisches Gedankengut in den Westen.

Ende der 60er-Jahre – die Zeit der Beatles und der Hippiebewegung – besuchten viele indische Gurus den Westen und es gingen umgekehrt viele Menschen aus westlichen Ländern nach Indien. Seit dieser Zeit ist in Deutschland auch die Hare-Krishna-Bewegung (ISKCON) präsent, ihr erster Tempel wurde 1970 in Hamburg eröffnet. Ursprünglich wurde „der Verein zur Förderung der Verbreitung vedischer Schriften“ – wie sich die Bewegung auch nennt – den sog. „Jugendreligionen“ zugeordnet, heute zählt man sie zu den „neuen religiösen Bewegungen“. Kennzeichen sind die intensive Verehrung der Gottheit Krishna durch das wiederholte Singen (Chanten) des Hare-Krishna-Mantras, um eine positive spirituelle Entwicklung des Einzelnen und der Gesellschaft zu bewirken. In den letzten Jahren fanden interne Reformprozesse und eine verstärkte Öffnung zur Gesellschaft statt.

Vielfältiges Spektrum

Der flächenmäßig größte hinduistische Tempel Deutschlands befindet sich in Gummersbach (seit 2008), weitere Tempel sind in Hamm-Uentrop/Westfalen, Berlin, Bielefeld, Hannover und Sulzbach-Altenwald. In München und Umgebung gibt es nur wenige Gemeinden, die dem klassischen Hinduismus zuzurechnen sind, wie z. B. der Hari Om Tempel e.V. in München-Gronsdorf (seit 2006). Daneben sind in München und Umgebung mehrere neohinduistische Gruppen, wie ISKCON (Hare Krishna), Brahma Kumaris (Raja Yoga) oder Transzendentale Meditation (TM) vertreten. München erhält fast regelmäßig Besuche von hinduistischen Lehrern (Gurus), wie z. B. von Mata Amritanandamayi, auch Amma genannt, die eine weltweite Anhängerschaft hat.

Über die spezifisch religiösen Hindugruppierungen hinaus gibt es im Gesundheits- und Esoteriksektor eine Vielzahl von Yogaschulen und therapeutischen Einrichtungen (z. B. Ayurveda), die mehr oder weniger auf hinduistische Traditionen zurückgreifen. Neben fragwürdigen und oft kritisch zu betrachtenden Angeboten gibt es besonders in kirchlichen Einrichtungen und Klöstern auch seriöse Angebote, die nicht zur religiösen Vermischung oder sogar zur Aufgabe des christlichen Glaubens führen, sondern zur Vertiefung und Bereicherung des eigenen Glaubens beitragen können.

Die Beziehungen zum Hinduismus

Wertschätzung

Erstmals hat die Katholische Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil auch zu den ostasiatischen Religionen Stellung genommen. In der Konzilserklärung „Nostra aetate“ (Nr. 2) heißt es zum Hinduismus:
„So erforschen im Hinduismus die Menschen das göttliche Geheimnis und bringen es in einem unerschöpflichen Reichtum von Mythen und in tiefdringenden philosophischen Versuchen zum Ausdruck und suchen durch aszetische Lebensformen oder tiefe Meditation oder liebend-vertrauende Zuflucht zu Gott Befreiung von der Enge und Beschränktheit unserer Lage.“

Natürlich waren sich die Konzilsväter der Unmöglichkeit bewusst, der Vielgestaltigkeit des Hinduismus in einem Satz gerecht zu werden. Es ging ihnen aber um die grundsätzliche Würdigung des religiösen Bemühens und der geistigen Werte der Hindus. Mit „aszetischen Lebensformen oder tiefer Meditation oder liebend-vertrauender Zuflucht“ im Konzilstext sind die drei Wege Karma-, Jnana- und Bhakti-Yoga gemeint. Die liebende Gottesverehrung (bhakti) in Form von Mantrenrezitation, gemeinsamem Singen religiöser Lieder oder der religiösen Zeremonie (puja) ist im heutigen Hinduismus am weitesten verbreitet und weist unter den genannten Wegen wohl die größte Nähe zur christlichen Glaubenspraxis auf, zumal sie meist monotheistisch ist. Hoch einzuschätzen sind auch die im Hinduismus vertretenen ethischen Werte wie das Gebot des Nicht-Verletzens jeglicher Art von Lebewesen (ahimsa).

Johannes Paul II. brachte seine Wertschätzung der indischen Traditionen bei einer Ansprache in Madras 1986 mit folgenden Worten zum Ausdruck:
„Indien ist in der Tat die Wiege uralter religiöser Traditionen. Der Glaube an eine den Menschen betreffende Wirklichkeit, die jenseits der materiellen und biologischen Wirklichkeit liegt, der Glaube an das Höchste Wesen, das die Tatsache erklärt, rechtfertigt und ermöglicht, dass der Mensch sämtliche Bereiche seines materiellen Seins übersteigt – dieser Glaube wird in Indien zutiefst erfahren. Eure Meditationen über unsichtbare und geistige Dinge haben auf die Welt tiefen Eindruck gemacht. Euer überwältigender Sinn für den Vorrang der Religion und die Größe des Höchsten Wesens ist ein machtvolles Zeugnis wider eine materialistische und atheistische Lebensauffassung gewesen. Die katholische Kirche erkennt die Wahrheiten an, die in den religiösen Traditionen Indiens enthalten sind.“ (Ernst Fürlinger (Hrsg.): Der Dialog muss weitergehen. Ausgewählte vatikanische Dokumente zum interreligiösen Dialog, Freiburg i.Br. 2009)

Geist der Unterscheidung

Nicht wenige Christen versuchen heute, hinduistische Traditionen vor allem die des Yoga in die eigene Lebens- und Glaubenswelt zu integrieren. Solche Körperübungen können unter Umständen christliche Meditationspraktiken bereichern oder verschüttete christliche Traditionen einer ganzheitlichen Spiritualität wieder entdecken helfen. Dabei sollte man sich jedoch bewusst machen, dass eine Loslösung solcher Praktiken von ihrem ursprünglichen religiösen und kulturellen Kontext nur schwer möglich ist, weil sie ein spezifisches Welt- und Menschenbild und Heilsverständnis voraussetzen. Es sollte weder zu einer Vereinnahmung des Anderen noch zu einer Verwässerung des Eigenen führen. Hier ist der Geist der Unterscheidung gefordert, der alles prüft und das Gute behält (vgl. 1 Thess 5,21).

Kritisch sind aus christlicher Sicht vor allem das indische Kastensystem und die Stellung der Frau zu beurteilen, aber auch der Glaube an das Karmagesetz und den Kreislauf der Wiedergeburt ist mit dem biblisch-christlichen Schöpfungsverständnis, Menschenbild und Auferweckungsglauben nicht vereinbar.

Kontakt

Fachbereich Dialog der Religionen des Erzbischöflichen Ordinariats München
Dr. Andreas Renz, Fachbereichsleiter
Peter Miller, Fachreferent
Marie-Kathrin Zylka, Fachreferentin

Brücken bauen.pdf

Quellennachweis

Als Grundlage für diesen Artikel diente folgende Arbeitshilfe:
Erzdiözese München und Freising, Brücken bauen. Als Christ Menschen anderen Glauben begegnen, München 2015

Die Erzdiözese München und Freising hat 2015 die Arbeitshilfe „Brücken bauen – Als Christ Menschen anderen Glaubens begegnen“ herausgegeben. Darin finden Sie theoretisch fundierte Hintergrundinformationen und wertvolle Anregungen für die Praxis zum interreligiösen Dialog in folgenden Bereichen:

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